Siekmann, Roland: Eigenartige Senne.
Zur Kulturgeschichte der Wahrnehmung einer peripheren Landschaft [= Lippische Studien 20]. Institut für Lippische Landeskunde, Lemgo 2004.

Gebunden, 504 Seiten
83 s/w u. farb. Abb., 24,50 €

ISBN 3-936225-13-3

Stimmen zum Buch:

„Eine Mentalitätsgeschichte der Landschaft ... das tiefsinnigste, auf jeden Fall anregendste Buch, das der Region südlich des Teutoburger Waldes gewidmet ist.“ (Manfred Strecker in: Neue Westfälische, 17.12.04)

„Charakterstudie dieser Landschaft“ (Lippe Aktuell, 3.3.04)

„Siekmann bewegt sich mutig interdisziplinär zwischen Sozialgeographie sowie Diskurs- und Sozialgeschichte. Dabei gelingt ihm - um im Bild zu bleiben - die Panoramaaufnahme ebenso wie die Detailansicht ... Siekmann ist es gelungen, die Diskurse souverän aus der Literatur und den Interviews herauszupräparieren. Seine sozialgeographisch-kulturgeschichtliche Spurensuche war erfolgreich ...“ (Jürgen Schmidt für H-Soz-u-Kult, 4.10.04)

„... eine außerordentlich anregende Lektüre und darüber hinaus ein bedeutender wissenschaftlicher Beitrag zum Diskurs über die Zukunft der Sennelandschaft ... der gewählte Forschungsansatz macht den eigentlichen wissenschaftlichen Wert aus ... sicherlich wäre es interessant, diesen Ansatz auf andere europäische Landschaften zu übertragen ... in diesem Sinne kann die Arbeit von Roland Siekmann auch Impulsgeber für ein interessantes Forschungsfeld sein ...“ (Ulrich Harteisen in: Westfälische Forschungen 2005)

Gerhard Hard, emeritierter Professor der Universität Osnabrück, seit den 1960er Jahren polarisierende Koryphäe einer kritischen Landschaftsgeografie und einer meiner "Theoriegötter" in der Studienzeit, hat - was ich nicht zu hoffen gewagt hätte - "Eigenartige Senne" gelesen und rezensiert:

Rezension von Gerhard Hard in: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 74 (2005), S. 381-384.

Das Buch von Roland Siekmann ist aus einer Dissertation an der Universität Bielefeld hervorgegangen; angeregt wurde es nicht zuletzt durch die jüngere und jüngste Diskussion um die Zukunft dieses Landschaftsraumes (zum Beispiel als Nationalpark). Bereits im Vorwort ordnet der Doktorvater des Autors (Prof. Dr. Ulrich Mai, Bielefeld) die schon von ihrem Programm her anspruchsvolle Arbeit prägnant in die Forschungsgeschichte der Geographie ein, und der Autor selbst entfaltet sein Programm und Selbstverständnis dann ausführlich in seinem Einleitungskapitel.

Die geographische Forschung war in allen Perioden der Wissenschaftsgeschichte auf die Themen „Landschaft“ und „Region“ konzentriert, und sie hat dabei oft auch die Wahrnehmung und vor allem das öffentliche Bild vieler Regionen nachhaltig mitgeprägt. Der Autor stellt seine Arbeit in diese geographische Tradition, führt sie aber nicht einfach weiter, sondern macht sie auch zum Gegenstand, indem er sie kritisch aufarbeitet und reflektiert. Er beobachtet also nicht einfach „seine“ Region, sondern beobachtet auch und vor allem die Art und Weise, wie diese Region bisher beobachtet wurde und heute beobachtet wird – und er erschließt uns auch eben dadurch diese Region mit einer Tiefenschärfe, die eine „direkte“, sozusagen naive Zugangsweise kaum jemals erreichen kann. Er macht den Leser also mit einer Region, ihren Landschaften und Problemen bekannt, indem er mit der Art und Weise bekannt macht, wie Region und Landschaft im Laufe der Zeit beschrieben wurden und heute beschrieben werden, wie sie bisher problematisiert wurden und wie sie heute problematisiert werden – und indem er diese Wahrnehmungs-, Beschreibungs- und Problemgeschichte kritisch interpretiert. Manchen mag es überraschen, dass dieser Zugang keinen Umweg bedeutet, sondern in hohem Maße praktisch und politisch bedeutsam werden kann.

Der Autor entwickelt seine „regionale Geographie“ der Senne also konsequent aus den alten und neuen Diskursen über die Senne heraus, und zwar im Rückgriff auf vorliegende und (in Interviews) von ihm selbst erhobene heimatkundlich-regionalgeographische Texte, die er dann mitsamt den zugehörigen Illustrationen vielfach nicht nur als inhaltliche Quellen, sondern auch „gegen den Strich“ als Zeugnisse und Prototypen bestimmter Weltsichten, Wahrnehmungsweisen und Wahrnehmungsverweigerungen liest. Man erfährt aber gerade auf diese Weise an vielen Stellen mehr über die Senne als in einer wie üblich auf den „realen Raum“ fixierten Regionalgeographie. Auf diese Weise zeigt sich auch sehr schön, wie sehr noch die heutigen regionalplanerisch-regionalpolitischen und „naturschutzfachlichen“ Diskussionen in die theorie-, wert- und emotionsgeladenen Diskurse und Stereotype der Vergangenheit verstrickt bleiben. Auch die aktuellen Diskurse über Natur und Landschaft der Senne (mitsamt ihren meist stark überzogenen Objektivitätsansprüchen) werden so wieder eingetaucht in die (Ideologie)Geschichte des „landschaftlichen Auges“ und des regionalistischen Denkens.

Theoretisch und methodisch knüpft der Autor u. a. an die Qualitative Sozialforschung und an das „Spurenparadigma“ an (Verstehen und Interpretieren als Spurenlesen in Landschaft und Sprache, in Räumen und raumbezogenen Texten). Eine weitere und allgemeinere Anschlussmöglichkeit hat der Autor nicht ausdrücklich aufgegriffen, obwohl diese Theorieperspektive seiner von Konstruktivismus, Diskursanalyse und Kulturwissenschaft inspirierten Denkrichtung eigentlich sehr nahe liegt, ja implizit sogar schon in seinem Buch enthalten ist: Luhmanns Theorie der sozialen Systeme, von der her man, wie es z. B. der Geograph Helmut Klüter getan hat, Räume, Regionen, Landschaften ... grundsätzlich statt als physisch-materielle Gegenstände als materielle Bestandteile der sozialen Kommunikation auffassen kann. Räume erscheinen dann als eine Art von Texten, Zeichensystemen oder Superzeichen, genauer, als „Verräumlichungen“, d. h. praxisdienliche Vereinfachungen, in denen politische und ideologische Programme von Großorganisationen, Institutionen, politischen Bewegungen usw. für bestimmte Zwecke und Adressaten zu eindrucksvollen, leicht eingängigen und emotionalisierbaren Raumbildern vereinfacht und massenmedial verbreitet werden. Eine solche Interpretationsrichtung wäre m. E. mit Siekmanns Arbeitsweise voll kompatibel und würde die Aufmerksamkeit noch mehr auf die institutionellen, organisatorischen, überhaupt sozialen und politischen („machtmäßigen“) Infrastrukturen der von ihm untersuchten Diskurse lenken.

Insgesamt handelt es sich bei diesem Buch mit seinen zahlreichen sprechenden Illustrationen nicht nur um einen überregional wichtigen Beitrag zum Thema „Konstruktion von Landschaftsbildern und regionalen Eigenarten, von Landschaftscharakteren und regionalen Menschenschlägen“. Darüber hinaus hat man es mit einer modernen Regionalgeographie von beachtlichem theoretischem und methodischem Gewicht zu tun, bei deren Lektüre aber auch der spontane Liebhaber dieser Region voll auf seine Kosten kommt, ja sogar – auf eine ebenso freundliche wie eindrückliche, fakten- und perspektivenreiche Weise – über seine Liebhaberei und seine Liebe zu einer Landschaft aufgeklärt wird: ein schönes Beispiel für eine wirklich kulturwissenschaftliche Geographie und eine moderne Kulturgeographie im eigentlichen Sinne.

Inhaltlich konzentriert sich Siekmanns Aufarbeitung einer geographischen Imagination (der „eigenartigen Senne“) vor allem auf drei unterschiedliche Bilder, die in der Geschichte nacheinander auftauchen, aber eng miteinander verhakt geblieben sind: Erstens die Senne als ein Konglomerat von Peripherien, randständigen Armutsräumen und zugehörigen Randgruppen, die, weil relativ leicht zu enteignen, in der Moderne leicht der bevorzugte Ansiedlungsraum für sperrige Infrastrukturen und oft allgemein unbeliebte Sondernutzungen geworden sind (z. B. militärische und naturschützerische Sperrgebiete). In flapsiger moderner Diktion: Räume, in denen die von den Nimbies (und ihrer „not in my back yard“-Politik) vertriebenen und herumgeschobenen Lulus („locally unwanted land users/land uses“) eine Weile festgesetzt werden oder sogar Fuß fassen können.

Zweitens: Die Senne als Ergebnis eines Ästhetisierungs- und Raumverklärungsprozesses vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in dem sich die reale Armut einer Peripherie gemäß einer gewissen „romantischen Logik des Vergessens der Geschichte“ (Siekmann) tendenziell in Schönheit, Einfachheit, Schlichtheit, Natürlichkeit, Ursprünglichkeit, Authentizität und „ewige Werte“ verwandelt. Um- und Aufwertungsprozesse dieser Art, die meist von überregionalen Eliten angestoßen und vorangetrieben werden, hat der Soziologie, Mathematiker und Philosoph Michael Thompson 1979 (deutsch: Die Theorie des Abfalls. Über die Schaffung und Vernichtung von Werten, Stuttgart 1981) in seiner „Rubbish Theory“ (einer allgemeinen Theorie des radikalen Wertwandels von Gegenständen) beschrieben, die wohl auch auf solche radikalen Umwertungen von Landschaften und Räumen anwendbar ist, wie sie Roland Siekmann beschreibt.

Schließlich als drittes Kapitel: Der Versuch, diesen aus Landschaftsästhetik und Heidekult, Volkstumsidee und Germanenkult erschaffenen Psychotop „Senne“ insgesamt in einen schützenswerten Großbiotop oder Biotopkomplex, gar in einen Nationalpark oder ein Biosphärenreservat oder etwas Ähnliches zu verwandeln, was den bereits bestehenden Großgrundbesitz (sprich: Biotopbesitz) eines bekannten deutschen Behördenapparates, des Naturschutzes, enorm zu vermehren verspricht. Auch beim „Sennemythos“ (Siekmann) handelt es sich offenbar um ein schönes Beispiel, wie sich Raumverklärungsmythen in den Händen von Großorganisationen und staatlichen Behörden im Handumdrehen in Raumaneignungs- und Raumbeherrschungsmythen verwandeln können (mit dem Ziel, die zuvor verklärten Räume unter Kontrolle zu bringen). Wo Räume verklärt werden, da stehen, wenn man genau hinsieht, im Hintergrund immer schon auch die Kolonisatoren, Investoren, Developer - oder eben die Naturschützer, Biotopbauer, Biotopmanager und Renaturierer bereit, kurz die einschlägigen Experten, Administrationen, Pläne, Gesetze und Enteignungen (vgl. dazu auch B. Davy Raum-Mythen in: Thabe, S. (Hg.); Räume der Identität - Identität der Räume. Dortmund 1999, S. 59 – 75).

Da der Autor diese Wahrnehmungsgeschichte(n) nicht einfach beschreibt, sondern auch kritisch auf ihre regionalen und anderen Wirklichkeitsbezüge hin kommentiert, wird uns auch ein plastisches Bild der Region insgesamt geboten. Man wünscht sich deshalb viele landeskundliche Arbeiten dieses intellektuellen Kalibers. Dieser Ansatz könnte sogar zu einem Muster für moderne Regionalgeographien werden; man müsste dann nur versuchen, die gegenwärtige regionalökonomische und regionalpolitische Situation (bzw. die entsprechenden Experten und Expertisen) in größerer Breite einzubeziehen, als es bei Siekmann themenbedingt der Fall ist. Aber auch das könnte meines Erachtens ganz innerhalb des theoretischen und methodischen Rahmens geschehen, den Siekmann in seiner bravourösen Dissertation aufgespannt hat.

Schließlich zum Stil des Buches: Es hat einen in der geographischen Literatur ganz ungewöhnlichen literarischen Charme. Wer in dem Buch eine strikt wissenschaftliche Monographie sehen will, der wird hier, zumindest hie und da, vielleicht etwas von der Dichte, Prägnanz, Unpersönlichkeit und Lakonie vermissen, die einen „streng wissenschaftlichen Text“ im Idealfall auszeichnen sollte; vielleicht vermisst er auch die strikte Ausrichtung auf die definitive Lösung von wissenschaftlichen Einzelproblemen – oder die Zurschaustellung methodischer Finessen und esoterischer Vokabulare. Das wäre hier aber, wie ich glaube, ein falscher Maßstab. Ich sehe in diesem Buch eher eine Textsorte, die in vielen wissenschaftlichen Sparten, zumal in der regionalgeographischen Literatur, viel zu selten auftritt: theoretisch problembewusst und innovativ, auf empirischer Ebene breit informiert, zuverlässig und kritisch, gleichzeitig aber auch so angelegt und geschrieben, dass auch der vielseitig interessierte gebildete Liebhaber des Gegenstandes sich unmittelbar angesprochen, detailreich informiert, vielfach belehrt und sogar geistvoll unterhalten fühlen kann.

Gerhard Hard

Liste aller (mir bekannten) Rezensionen:

01
Lippische Landeszeitung vom 25.2.2004
Charakterstudie einer Landschaft - Buch „Eigenartige Senne“ vorgestellt
Autor: (blu)
 
02
Lippe Aktuell vom 3.3.2004
„Eigenarige Senne“ - Landschaft im Fokus der Wahrnehmung
Autor: (jus)
 
03
Heimatland Lippe 3 / 2004, S. 51
Neuerscheinung „Eigenartige Senne“ - Vom wüsten Unland zum Naturparadies
Autor: Sabine Klocke-Daffa
 
04
Heimatpflege in Westfalen 3 / 2004, S. 26-27
„Eigenartige Senne“ - Vom wüsten Unland zum Naturparadies
Autor: Sabine Klocke-Daffa
 
05
H-Soz-u-Kult 4.10.2004
Rezension ohne Titel
Autor: Jürgen Schmidt
 
06
Die Warte Nr. 123, Herbst 2004, S.22
Rezension ohne Titel
Autor: Annette Fischer
 
07
Lippische Landeszeitung vom 1.11.2004
Von den verschiedenen Wahrnehmungen der Senne: Otto-Weerth-Preis verliehen
Autor: (fla)
 
08
Neue Westfälische vom 17.12.2004
„Sennesand liegt schwer im Magen“ - Roland Siekmann schrieb eine Mentalitäts-Geschichte der „bösen Sandwüste“ am Teutoburger Wald
Autor: Manfred Strecker
 
09
AKP - Zeitschrift für Alternative Kommunal Politik 1/2005: 22
Rezension ohne Titel
Autor: Gerald Munier
 
10
sehepunkte 5 (2005), Nr. 2 [15.02.2005]
Rezension ohne Titel
Autor: Martina Kaup
 
11
satt.org [Mai 2005]
Rezension ohne Titel
Autor: Johannes Zechner
 
12
Westfälische Forschungen 55 (2005), S. 802-804
Rezension ohne Titel
Autor: Ulrich Harteisen

13
Lippische Mitteilungen 74 (2005), S. 381-384
Rezension ohne Titel
Autor: Gerhard Hard

14
Heimatpflege in Westfalen 5 (2007), S. 31-32
Rezension ohne Titel
Autor: Gerhard Müller